Sonderheft 9, März 2008
Dietmar Kammerer
Ritual und Resonanzraum

Wie David Lynch und Michel Gondry das Netz auf jeweils persönliche Art benützen

Wie steht’s heute eigentlich mit dem Wetter an der Westküste der Vereinigten Staaten? Fragen wir David Lynch. Jeden Morgen stellt der Filmemacher ein neues Video ins Internet, auf dem er den aktuellen Bericht zur Wetterlage in Los Angeles abliefert: „Good morning, it’s February 22nd, 2008, and it’s a Friday. Here in L.A.: Grey skies, no wind, depressing 50 degrees Fahrenheit, 10 Celsius.“ Ein paar Tage später sieht der Himmel schon freundlicher aus: „Good morning, it’s February 26th, 2008, and it’s a Tuesday. Here in L.A.: Blue skies, golden sunshine, a gentle breeze. 62 degrees Fahrenheit, 17 Celsius.“ Setting und Ritual sind stets dieselben: Lynch sitzt an einem Schreib- oder Frühstückstisch, die Hände unter der Platte. Der Raum ist klein, offenbar sind knapp außerhalb des Kamerablickwinkels mehrere Fenster. Bei Sonne viel Licht von außen. An einer grauen Wand im Hintergrund ist ein roter Kasten mit einem Telefon befestigt. Vor Lynch liegt das Mikrofon. Eine große Kaffeetasse steht prominent im Bildvordergrund. Bei den Worten: „Here in L.A.“ dreht Lynch den Kopf in Richtung Fenster, bei den Schlussworten blickt er direkt in die Kamera. Mal ist die Kaffeetasse voll, mal ist sie leer. Mal trägt Lynch einen dunklen Anzug, mal zeigt er sich im Hemd. Steht ein Fenster offen, kann man von draußen Vogelgezwitscher hören.

Der Daily Report gehört zum öffentlichen Teil des Multimedia-Internet-Projekts www.davidlynch.com, dessen eigentliche Inhalte nur Abonnenten zugänglich sind. Wer zahlt, erhält unter anderem Zugriff auf experimentelle Kurzfilme, eine Radiosendung, Kompositionen und Klingeltöne, die animierte Miniserie Dumbland, eine WebCam, die ein Vogelhäuschen und „erwachsene Eichhörnchen, weinend vor Trauer“ zeigt, eine Kunstgalerie, einen Chat-Room, Screensaver. Frei zugänglich ist der Online-Store, auf dem man biologisch angebaute Espressobohnen der Marke „David Lynch“ zusammen mit vom Meister selbst gestalteten Kaffeebechern erwerben kann. Der Daily Report ist mithin ein Lockmittel für ein kommerzielles Online-Angebot. So wie das Futter im Online-Vogelhäuschen die Eichhörnchen anlockt (die aber draußen bleiben müssen), so zieht die Aussicht, täglich Lynch ungekämmt und „live“ beim Morgenritual zusehen zu können, die Fans an (die dann vielleicht das Eintrittsgeld entrichten). Eine Art Blick durchs Schlüsselloch ins Lynchs Privaträume, der sich ausdrücklich (daher die Angaben in Fahrenheit und Celsius) auch an sein europäisches Publikum wendet.

Das Kuriose an Lynchs Daily Report ist nicht nur, dass die banalen, aufs Wesentliche reduzierten Wetterbeobachtungen ausgerechnet von einem Filmemacher stammen, der für Verrätselungen und Labyrinthe bekannt ist. Absurd ist auch, dass nichts überflüssiger ist, als jemandem übers Internet dabei zuzusehen, wie er aus dem Fenster blickt, um einem das Wetter mitzuteilen. Dylan wusste schon 1965: „You don’t need a weather man to know which way the wind blows.“ Heute braucht es nur einen Mausklick, um die meteorologischen Daten egal welchen Ortes auf dem Globus ohne Mittelsmann selbst in Erfahrung zu bringen und sich über WebCams ein Bild davon zu machen. Lynch hat keine Kamera auf seinem Fenstersims installiert, er übersetzt für uns das, was vor seiner Nase ist. So ist der Daily Report alles andere als das, was er zu sein vorgibt. Kein „Infoservice“ und mehr als ein Marketingtrick: ein Ritual. Die täglich rund dreißig Sekunden Wetteransage im QuickTime-Format schließen in ihrem seriellen Charakter, dem Minimalismus der Inszenierung und ihrer Repetition des Immergleichen an den Comic-Strip The Angriest Dog in the World an, den Lynch von 1983 bis 1992 Woche für Woche in verschiedenen US-Zeitschriften publizierte. Jeder Strip war exakt gleich gezeichnet: Vier Einzelbilder eines angeketteten Hundes in einem Vorgarten, rechts ein Haus. Auf dem letzten Bild ist die Sonne untergegangen. Jeder Strip hatte den selben Eingangstext, nur der Inhalt der Sprechblasen änderte sich. Lynch gibt an, er habe sich in den Siebzigerjahren wie dieser Hund gefühlt: voller unerklärlicher, unterdrückter Wut, kaum fähig zum Handeln. Damals habe ihm das Meditieren geholfen, seinen Zorn zu besiegen. Heute tritt er bekanntlich als Fürsprecher der Transzendentalen Meditation auf, die er zweimal täglich praktiziert. Die Form einer rituellen täglichen Übung teilt Daily Report mit diesem „Pfad der Erleuchtung“, dem Ziel der Selbstversenkung setzt er allerdings eine recht weltliche (an die Welt gerichtete) Praxis entgegen.

Wie Michel Gondry mit seinen Füßen einen Zauberwürfel löst

Einem Zauberer bei der Arbeit zusehen: Gondry sitzt barfuß auf dem Fußboden seiner Wohnung, mit dem Rücken gegen ein Sofa. Während er in die Kamera spricht, balanciert er in seinen Händen einen Zauberwürfel. „Hi, my name is Michel Gondry, I’m a film director and I will demonstrate I can do this Rubik’s Cube in a short time with my feet!“ Er zeigt den „ungeordneten“ Würfel vor, dann – Schnitt – legt er ihn zwischen seine Füße. In dieser Einstellung ist die Kamera auf dem Boden abgelegt, aus dieser Perspektive bekommen Gondrys Füße etwas Riesenhaftes. Er murmelt vor sich hin („Merde!“), dreht und wendet den Würfel mit Zehen und Ballen. Schräg hinter ihm steht eine Tür zu einem weiteren Raum offen. Irgendwo im Off spricht ein Mann, der zweimal im Hintergrund durchs Bild läuft. Inzwischen hat Gondry das Logikspiel geknackt. Er hält den Würfel hoch, auf dem jede Seite genau eine Farbe zeigt. Ein Geniestreich? – Kurze Zeit später wird auf YouTube ein Antwortvideo hochgeladen. Das deckt, Schritt für Schritt, das Rätsel auf – Gondry zeigt uns das Geschehen rückwärts, er hat den Würfel nicht gelöst, sondern schlicht den richtig angeordneten verdreht. Der Mann im Hintergrund (der sich in Wirklichkeit rückwärts bewegt hat) und die darüber gelegte Tonspur waren Ablenkungsmanöver. Der Trick mit der Zeitumkehr ist nicht neu: Schon als der bunte Würfel in den Achtzigerjahren auf den Markt kam, machten Meldungen die Runde, wonach Amateurfilmer dokumentieren konnten, wie das Genie ihrer dreijährigen Tochter in weniger als einer Minute einen Zauberwürfel knackt. Aufschlussreich wird diese Anekdote eigentlich erst mit Gondrys Antwort auf die Antwort: „Michel Gondry Solves a Rubik’s Cube with his Nose.“ Wieder sehen wir den Filmemacher bei sich zu Hause. Er kniet hinter einem Schreibtisch, den Kopf knapp oberhalb der Platte. „Forget my feet, I can do much better.“ Er stellt einen Miniaturzauberwürfel vor sich hin, stöhnt vor konzentrierter Anstrengung. Einsatz dramatischer Orchestermusik. Aus dem Off die Stimme einer Frau: „Don’t you have anything better to do?“ Gondry presst grimassierend weiter, bis aus seinen Nasenlöchern plötzlich zwei kleine Arme herausschießen, die den Würfel in Windeseile richten. Vor Schreck fällt die Frau in Ohnmacht. Gondry stürzt zu ihr, die Kamera folgt ihm hektisch: „Cherie! Are you okay? Come on!“

Zeitachsenmanipulation, die Umkehr der Laufrichtung des Filmstreifens, gehört seit Méliès zum Standardrepertoire filmischer Zauberkünste. Der Trick ist simpel, die Wirkung verblüffend: Aus Schutthaufen und Staubwolken stehen Gebäude auf, aus zerbrochenen Scherben und Wassertropfen wird ein gefülltes Glas. Man sieht: Alles wird gut. Rückwärtseffekte dienen der Angstbewältigung. Im reversen Lauf der Filmbilder bricht sich der Wunschtraum Bahn, das Zerbrochene zu heilen, das Ungeordnete wieder in Ordnung zu bringen, kurz: der Kampf gegen die Schrecken der Entropie und des Todes. Es ist das Versprechen, im Rückwärtsschritt zurück ins Paradies zu gelangen: So wird aus jedem Kriegsfilm, zeitverkehrt gesehen, eine Legende der wundersamen Heilung: Gewehre saugen Patronen aus verwundeten Körpern, Bomben werden in Fabriken zerlegt, ihre Bestandteile sorgfältig vergraben. Hitler wird zum Säugling. Die Umkehr der Bilder ist auch in Gondrys filmischen Phantasien eines der beliebtesten Mittel. In einem Werbetrailer zur Science-of-Sleep-DVD steht Gondry, gekleidet wie ein Laborwissenschaftler, vor einem „De-Mixer“, der ein Häufchen Plastikstaub in eine Silberscheibe verwandelt. Wie beim Rubik’s Cube ist auch hier die Lösung des Rätsels ein Kinderspiel. Meist setzt Gondry den Trick raffinierter ein, also so, dass der eigentlich simple Dreh nicht sofort als solcher erkannt wird. Beck läuft im Musikvideo Deadweight scheinbar seinen Schuhen hinterher, für das Video Sugar Water der Band Cibo Matto hat Gondry ein visuelles Palindrom geschaffen, einen Film, der vorwärts wie rückwärts genau gleich abläuft.
Auch in Michel Gondry Solves … besteht die Pointe nicht in der Zeitreversion, sondern in den Ablenkungsmanövern. Alles sieht nach entspanntem Amateurvideo aus: Wir sind zu Hause bei einem berühmten Regisseur, der hat eine spontane Idee und setzt sie um, während sonstwo in der Wohnung seine Gäste oder WG-Mitbewohner ihrem Alltag nachgehen. Wären das „richtige“ Dreharbeiten, müsste abgebrochen werden, sobald im Hintergrund unerwartet Leute durchs Blickfeld der Kamera spazieren. Dabei sind, wie bei jedem guten Zaubertrick, gerade das Zufällige sowie der Schein des Authentischen und der Spontaneität genau der Teil der Performance, der am mühsamsten eingeprobt werden muss. Das Video im Internet zu verbreiten, wird so zum Teil der illusionären Strategie: Was auf YouTube eingestellt wird, legitimiert sich über das „Authentische“, an dem jeder teilhaben kann.

Response-Videos sind Teil der „Web 2.0“-Philosophie des Google-Unternehmens YouTube. Die Videofilmchen werden so zu Botschaften, zu Äußerungen in einem kommunikativen Netzwerk. Was einer sagt, können andere nicht nur textlich, sondern auch filmisch bewerten, kommentieren, parodieren. Auf der Textebene ist das Antwortvideo How Michel Gondry Faked… die „nüchterne“ Aufdeckung von Gondrys Zauberwürfel-Trick (etwas wird vereinfacht, reduziert), in der Bildsprache versucht es massiv durch Überbietung an (lehrbuchhaft eingesetzten) „Filmtricks“ über Gondrys Homevideo-Ästhetik hinauszukommen. Manipulationen des Zeitverlaufs werden mehrfach offensiv und offensichtlich eingesetzt: Zeitlupe, Sequenzwiederholungen und vor allem Umkehrung/Richtigstellung der bei Gondry „verkehrten“ Zeit. Auch sonst bedient sich der Entlarvungsfilm von BeyondBeliefMedia beim zeigefingerhaften Gestenrepertoire didaktischer Lehrfilme: hinweisende Pfeile, Detailvergrößerungen, betont sachlich eingesprochener Kommentar, Titelanimationen. Das Ganze kommt vollkommen humorfrei daher, ist in Hinsicht auf sein Ziel zudem redundant und überdeutlich. Sieht man sich den Aufwand an, der hier betrieben wird, um einen simplen Witz zu dekonstruieren, wird man den Verdacht nicht los, ob hier nicht vielleicht eine irre Form von Metahumor und Selbstparodie vorliegen könnte.

Die Videoplattform wird so zum Ort, an dem Amateure und Profis des Filmemachens aufeinandertreffen, sich überbieten, kritisieren oder loben, gegenseitig beschenken oder in Kommunikation treten können. Ob im Cyberspace damit die „Hierarchien“ nivelliert, die Machtverhältnisse des Realen aufgehoben werden, die Unterscheidung Profi/Amateur ihre Bedeutung verliert, bleibt fraglich. In diesem Fall muss die Antwort lauten: keinesfalls. Das „I can do much better“ von Gondrys naseweisem Antwort-Antwort-Video ist die Kampfansage von einem, der die leistungsfähigere Technologie auf seiner Seite weiß. Vermutlich war es nicht die „Entlarvung“ seines Tricks als vielmehr die völlige Humorlosigkeit, die Gondry auf die Palme gebracht hat. Filmtechnisch hat das „Nasen“-Video sowohl sein erstes Video als auch die Zeigestöckchen von BeyondBeliefMedia weit hinter sich gelassen. Nur mithilfe digitaler Bildmanipulation lassen sich im Computer animierte Arme derart nahtlos in eine real gefilmte Umgebung einfügen. Dass wir den Bereich „ungeschminkter“ Homevideos verlassen haben, markiert schon der Einsatz betont orchestraler, dramatischer Spielfilmmusik. Die Verblüffung, die sich hier einstellt, gilt nicht dem: Wie hat er das gemacht?, sondern ist die lachende Auflösung des Rätsels, das der Titel stellt: Wie bitte? Mit der Nase?

Lynch produziert im Internet Serielles, Gondry dialogisch-parodistische Resonanzräume, die zu weiteren Eigenproduktionen anregen sollen. Be Kind Rewind heißt Gondrys aktueller Film, der eine emphatische Do-It-Yourself-Philosophie des Filmemachens feiert, die das Erfolgsmodell YouTube populär gemacht hat. Sein „Stunt“ mit dem Zauberwürfel hat auf der Videoplattform zahlreiche Nachahmungen provoziert. Für Lynch ist das Internet eine Möglichkeit, sich als selbständiger Künstler und Filmemacher von Produzenten und Mittelsmännern zu emanzipieren; für seinen unabhängig produzierten, auf Video gedrehten Inland Empire hat Lynch Ideen und Filmmaterial verwertet, die ursprünglich auf seiner Website entstanden. Beide Filmemacher gehen auf ihre Art mit den Bedingungen und Möglichkeiten des Internets um; für beide ist das Netz aus ihrer Filmproduktion nicht mehr wegzudenken.

PS: Wer wissen will, wie ein Wetterbericht von Gondry aussieht, begibt sich auf die Homepage von Be Kind Rewind.



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