Sonderheft 11, März 2009
Dietmar Kammerer
Follow the Yellow Brick Road
In diesem Jahr wird The Wizard of Oz von Victor Fleming siebzig Jahre alt.
Acht Anmerkungen anlässlich des Jubiläums.

Toto, die Heldin

Immer ist es der Hund, der Dorothy die Fluchtlinien vorgibt. Weil sie die Terrierdame Toto vor der rachsüchtigen Nachbarin Almira Gulch retten will, packt Dorothy ihre Siebensachen und macht sich das erste Mal auf den Weg in Richtung des gemalten Studio-Horizonts. Als Dorothy im Schloss der Bösen Hexe des Westens gefangen sitzt und zusehen muss, wie mit den roten Sandkörnern im Stundenglas auch ihre Lebenszeit verrinnt, entkommt Toto und holt die Freunde, die sie retten werden. Als die Viererbande mit dem Besen der Hexe vor dem Zauberer von Oz steht, der sich erneut weigert, ihnen zu helfen, ist es Toto, die den Vorhang beiseite zieht und die Illusionsmaschine aufdeckt. Und als der Zauberer von Oz Dorothy im Jahrmarkt-Fesselballon über den Regenbogen zurück nach Kansas bringen will, entkommt Toto zum wiederholten Mal im Film auch diesem Korb, auf der Jagd nach einer Katze. Es ist nirgends schöner, als auf dem Sprung zu sein.

Toto hieß ursprünglich Terry und trat in ihrer Karriere in vierzehn Filmen auf, unter anderem an der Seite von Shirley Temple, Spencer Tracy und Ida Lupino. Ihre Rolle in The Wizard of Oz bleibt jedoch die einzige, die ihr eine namentliche Nennung im Abspann einbringt. Danach wurde sie offiziell in Toto umgetauft. Für die Dreharbeiten entlohnte MGM sie mit 125 Dollar pro Woche. Ihr Besitzer und Trainer Carl Spitz war ein deutscher Immigrant und Veteran des Ersten Weltkrieges, der 1927 die erste Schule zum Hunde-Filmtraining in Hollywood gründete. Im Zweiten Weltkrieg wurde Spitz mit der Entwicklung und Durchführung des ersten Militär-Hunde-Programms der USA beauftragt. Terry/Toto starb 1944 und wurde von Spitz auf dessen Anwesen in Los Angeles begraben. Später wurde das gesamte Gelände für die Erweiterung des Ventura Freeway eingeebnet und zubetoniert. Heute führt eine mehrspurige Schnellstraße über die letzte Ruhestätte des Hundes, der immer auf der Flucht war.

The Making of a Movie Classic

Zum fünfzigsten Jubiläum des Films entsteht 1989 eine Dokumentation der Dreharbeiten des Films mit Interviews mit den Beteiligten, Archivmaterial und Behind-the-Scenes-Footage. Die Dokumentation beruht zu großen Teilen auf den Recherchen, die die Journalistin und Filmhistorikerin Aljean Harmetz in ihrem Buch The Making of the Wizard of Oz von 1977 zusammengetragen hatte. Demnach gab die Produktion des Films, anders als das fertige Ergebnis, wenig Anlass zu Heiterkeit. Die Schauspielerin Angela Lansbury, die als Moderatorin durch den Film führt, warnt den Zuschauer in ihrer Einleitung davor, dass bei MGMs bis dato kostspieligster Produktion vor allem „confusion, chaos and often danger“ geherrscht habe. Der „Tin Man“ Jack Haley erinnert sich: „Like hell it was fun. It was a lot of hard work. Not fun at all.“ Dabei hatte er noch Glück. Zuerst trug Buddy Ebsen das Kostüm des Blechmannes. Unglücklicherweise bestand Ebsens Make-up aus Aluminiumpulver, das über die Atemwege in seine Lungen gelangte und sich dort festsetzte, was den Schauspieler beinahe das Leben kostete. MGM verpflichtete umgehend Haley, ohne ihn über das Unglück zu unterrichten. Das Make-up-Department ersetzte das Pulver stillschweigend durch eine Aluminiumpaste, die Haley starke Hautreizungen und eine Entzündung der Augen verursachte.

Auch Margaret Hamilton, die Darstellerin der Bösen Hexe, wurde ein Opfer der Schminkabteilung. Am Ende ihres ersten Auftritts im Dorf der Munchkins kaschierte ein Feuerwerk und eine Rauchwolke den Abgang Hamiltons von der Studiobühne durch eine Falltür. Da ihr Make-up leicht entflammbares Kupfer enthielt, zog Hamilton sich bei einem der Takes mittelschwere Verbrennungen im Gesicht und an den Händen zu und musste mehrere Wochen pausieren. In späteren Szenen trug sie grüne Handschuhe, um die Hautverluste zu verdecken. Ihr Stuntdouble Betty Danko zog sich ebenfalls ernsthafte Verletzungen zu, als bei einer Flugszene der Besen unter ihr explodierte.

Ruby Slippers

Im Buch sind die Schuhe, die Dorothy von der Guten Hexe Glinda geschenkt bekommt, silbern. Für die Verfilmung entschied MGM, dass Dorothy rubinrote Schuhe trägt, um so das damals immer noch ungewohnte Technicolor-Verfahren spektakulärer zur Geltung zu bringen. Mitte der Dreißigerjahre hatten Studios damit begonnen, abendfüllende Spielfilme in Technicolor zu produzieren. Den Trick, die Szenen auf der Farm in Kansas monochrom zu halten und erst im Zauberland Farbe einzusetzen, hatte 1933 bereits der Regisseur Ted Esbaugh für seine animierte Kurzfilmversion der Geschichte eingesetzt. Da die Walt Disney Studios jedoch kurz darauf einen Exklusivvertrag mit Technicolor abschlossen, durfte Esbaughs Version aus rechtlichen Gründen nicht verliehen werden und erschien erst 1980 auf Video. Den medientechnischen Vorsprung eines Mehrfarbenmediums gegenüber seinen einfarbigen Vorgängern wusste bereits der Autor L. Frank Baum auszunutzen. Um 1900 waren die meisten Kinderbücher nur mit einfachen schwarz-weißen Illustrationen ausgestattet. Baum ließ von seinem Zeichner William Wallace Denslow mehrere farbige, ganzseitige Illustrationen herstellen, die dem Buch beigegeben wurden. The Wonderful Wizard of Oz wurde das am meisten verkaufte Kinderbuch des Jahres. Zwei Jahre später überwarf Baum sich mit Denslow, der für seinen künstlerischen Beitrag mehr (finanzielle) Anerkennung einforderte. Immerhin erhielt Denslow aus seinen Anteilen am Copyright genug Tantiemen, um sich davon eine Insel vor den Bermudas kaufen zu können, auf der er sich selbst zu König Denslow I. ernannte. Alkoholprobleme führten in den folgenden Jahren dazu, dass er sein Vermögen wieder verlor.

Eine wichtige Rolle spielen die Farben des Buches auch in hartnäckigen Spekulationen, nach denen Baum das Land von Oz als Allegorie auf die politische Situation seiner Gegenwart angelegt haben soll: „Oz“ steht demzufolge, als Abkürzung für „Ounce“, für die Bemühungen der Bimetallisten der Populist Party um 1900, im Währungssystem neben Gold als zweiten Standard Silber einzuführen. Die silbernen Schuhe, in denen Dorothy die „Yellow Brick Road“ – die Goldstraße – hinabgeht, führen sie direkt zur Smaragdstadt, deren leuchtendes Grün für nichts anderes als den „Greenback“, den US-Dollar, steht. Baum selbst schrieb freilich in der Einleitung zum Buch: „The story was written solely to please children of today.“

If happy little bluebirds fly / Beyond the rainbow / Why, oh, why can’t I?

„Erst als die Dreharbeiten beginnen, bemerkt man, dass die pubertierende Darstellerin für die Rolle der kindlichen Dorothy körperlich zu alt besetzt worden ist. Jetzt fürchten die Produzenten, die immer weiblicher werdenden Formen des Mädchens könnten sich unpassend abzeichnen. Grobe Auswüchse der voranschreitenden Pubertät können mit dem Kostüm reguliert werden, gegen den Rest verschreibt der Arzt des Filmstudios Benzedrine. Unter Produktionsdruck verabreicht er die appetitzügelnden Tabletten in so großen Mengen, dass Judys Hunger und damit das Wachstum des Busens auf null reduziert werden können. Im chemisch gefassten Körper treten aber ungeplante Nebenwirkungen auf: Mit sperrangelweit aufgerissenen, strahlenden Augen singt Garland unter der manipulierten Hand das Lied Over the Rainbow.

Der Ohrwurm aus dem verzauberten Land hinter dem Regenbogen wird zu einer Pioniertat der durch Amphetamin verstärkten Popkultur. Ein Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nimmt das flach gehaltene Mädchen so den ersten, durch das Medium einer synthetischen Droge gesungenen Superhit auf. [...] ,Wenn wir an einer Produktion arbeiteten, ließ man uns Tag und Nacht ohne Pause schuften. Man gab uns Aufputschtabletten, damit wir uns, obwohl wir völlig ausgelaugt waren, noch länger auf den Beinen halten konnten. Dann brachte man uns in die Krankenstation auf dem Studiogelände. Nach vier Stunden wurden wir wieder geweckt und man gab uns erneut die Aufputschpillen, damit wir weitere zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung vor der Kamera stehen konnten. Die meiste Zeit erlebten wir unsere Umgebung wie in Trance‘, diktiert Garland später einem ihrer Biografen.“ (Hans-Christian Dany: Speed. Eine Gesellschaft auf Droge. Hamburg, Edition Nautilus 2008, S. 35–37)

I have a feeling, we’re not in Kansas anymore

„Wenn Dorothy von der Tür her in die Runde blickte, konnte sie nur sehen, was sie immer sah: die weite graue Prärie überall. Weder Baum noch Haus ragten aus der tellerflachen Landschaft empor, die bis zum Horizont reichte. Die Sonne hatte das gepflügte Land zu einer grauen Masse gebacken, die von kleinen Rissen durchzogen war. Nicht einmal das Gras war grün, denn die Sonne hatte die Spitzen der langen grünen Gräser verbrannt. Nun sahen sie so grau aus wie alles andere. Onkel Henry hatte das Haus vor Zeiten gestrichen, doch die Sonne hatte die Farben ausgebleicht. Und jetzt sah es genauso langweilig und grau aus wie die Umgebung.“

So beginnt das Kinderbuch Der Zauberer von Oz, das am 28. Mai 1900 erscheint. Zu diesem Zeitpunkt kann der „Sonnenblumenstaat“ Kansas auf ein ereignisreiches Jahrhundert zurückblicken: Vertreibung und Ausrottung der Indianer, Bürgerkrieg, gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei und die Prohibition, die in Kansas ihren Anfang nahm. Die meisten der Einwohner sind Farmer, die ihren Weizen vor heißen Sommern, kalten Wintern, Tornados und langen Dürreperioden schützen müssen. Das große Siegel des Bundesstaates zeigt im Vordergrund einen Farmer, dahinter einen Wagentreck und Büffelherden, die um 1900 längst ausgerottet sind. Darüber das Motto: „Ad astra per aspera“, durch Mühen zu den Sternen. 1929 beginnt mit dem Kollaps der Börse in NewYork eine weltweite Wirtschaftskrise, die von allen nur die „Große Depression“ genannt wird und die das gesamte Jahrzehnt andauert. In den Gebieten der Great Plains, die von Kanada bis ins südliche Texas reichen, tritt zu der ökonomischen die ökologische Katastrophe. Durch den landwirtschaftlichen Anbau ist das Präriegras weitgehend verschwunden, dessen Wurzeln die oberen Bodenschichten bislang vor Erosion bewahrten. Anfang der Dreißigerjahre endet eine klimatische Ausnahmeperiode, die den Great Plains über viele Jahre ungewöhnlich viel Regen beschert und die Hoffnung genährt hat, dass es möglich sei, in dem unwirtlichen Gebiet Landwirtschaft zu betreiben. Die nun einsetzende Dürreperiode trocknet in kürzester Zeit den Boden aus, Wind und Staub verbinden sich zu gewaltigen Stürmen, die die Ernten der Farmer vernichten und deren Häuser in der Wüste versinken lassen. Mehr als zweieinhalb Millionen Menschen in Kansas, Oklahoma, Texas und anderen Staaten sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. In The Wizard of Oz wünscht Dorothy nichts sehnlicher, als diesen Ort nicht aufgeben zu müssen.

There’s no place like home

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen deutet den Wunsch Dorothys, dem so zauberhaften wie abenteuerlichen Land Oz zu entkommen und zu ihrer Tante Em und ihrem Onkel Henry und damit in die ärmlichen Verhältnisse einer Farm in Kansas zurückzukehren, als ein in sich selbst gespaltenes Verlangen. „Zu oft ausgesprochen, besagt die Zauberformel nämlich auch: Es gibt keinen Ort, den man home nennen könnte. Die Vorstellung von home bezeichnet einen unmöglichen Ort, eine Utopie, aber auch einen extimen Ort, einen Fremdkörper, den man in sich trägt, weil er als verbotenes Wissen verdrängt werden muss, damit das Kind erwachsen werden kann, der gleichzeitig aber auch nie aufgegeben wird.“ (Elisabeth Bronfen: Heimweh. Illusionsspiele in Hollywood, Berlin: Volk und Welt 1999, S. 213)

Für das Waisenkind Dorothy gilt wörtlich: Es gibt keinen Ort, der ihr ein Zuhause sein könnte. Trotzdem muss sie dorthin zurückkehren wollen. Was sie auf ihrer Reise die Yellow Brick Road hinunter gelernt habe, wird Dorothy von Glinda, der Guten Hexe des Nordens, gefragt. Die Antwort: „It’s that if I ever go looking for my heart’s desire again, I won’t look any further than my own back yard. Because if it isn’t there, I never really lost it to begin with.“ Die Verneinung des eigenen Begehrens ist die Einsicht, die es braucht, um aus einem Traum zu erwachen.

TV made me do it

2,7 Millionen Dollar gibt Metro-Goldwyn-Mayer für die Produktion von The Wizard of Oz aus, mehr als für jeden anderen Film des Studios zuvor. An den Kinokassen spielt er lediglich 3 Millionen Dollar ein, ein respektables Ergebnis, aber weitaus weniger, als die Studiobosse sich erhofft hatten. Rechnet man die Kosten zur Bewerbung des Films ein, ist die Produktion defizitär. Auch bei der Oscar-Zeremonie am 29. Februar 1940 wird der Film, bei fünf Nominierungen, lediglich zweimal ausgerufen – in den Kategorien „Bester Song“ und „Beste Filmmusik“. Gegen Gone With the Wind, ebenfalls (offiziell) unter der Regie von Victor Fleming (tatsächlich waren fünf Regisseure am Set des Wizard, drei am Set von Gone), ist in diesem Jahr kein Ankommen. Das Südstaaten-Melodram wird achtmal ausgezeichnet.

Erst im Fernsehen wird der Film zum Klassiker. Um die Bedürfnisse des wachsenden Fernsehpublikums nach Spielfilmen zu befriedigen, will CBS 1956 von MGM die Rechte zur Ausstrahlung von Gone With the Wind erwerben. Das Studio lehnt jedoch ab. Man einigt sich auf einen Kompromiss: am 3. November des Jahres wird stattdessen The Wizard of Oz ausgestrahlt. Sponsor der Sendung ist die Ford Motor Company. Rund 45 Millionen Zuschauer schalten ein. Drei Jahre später wird der Film zum zweiten Mal gesendet, und von da an in den USA in jedem Jahr bis heute, mit der einzigen Ausnahme 1963 – Gerüchten zufolge, weil kurz vor dem geplanten Sendetermin John F. Kennedy ermordet wurde. Die Ausstrahlung des Films erfolgte immer in Farbe, obwohl die Mehrzahl der Haushalte bis Ende der Sechzigerjahre lediglich über Schwarz-Weiß-Empfangsgeräte verfügten. (Erst 1972 überstieg die Zahl der Farbfernsehgeräte in den USA die 50-Prozent-Marke.)

„Und wenn nun eure Kinder dichten/Bewahre sie ein gut Geschick/ Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten“
(J. W. Goethe, Den Vereinigten Staaten, 1827)

Dass MGM sich auf das Risiko einer kostspieligen Produktion einließ, lag vor allem am Erfolg eines anderen Filmes. Snow White and the Seven Dwarfs, der erste abendfüllende Zeichentrickfilm aus den Walt Disney Studios, spielte in den Monaten nach seiner Premiere im Dezember 1937 mehr Geld ein als jeder andere Film zuvor. „No one’s ever gonna pay a dime to see a dwarf picture“, soll Lillian Disney ihren Gatten zuvor gewarnt haben. Man rechnete nicht damit, dass ein erwachsenes Publikum sich auf der Leinwand für Märchengeschichten, Fantasyfiguren und Spezialeffekte interessieren könnte. Heute müsste man umgekehrt fragen: Wofür sonst?



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