Sonderheft 13, März 2010
Bruce La Bruce
Das Profane und das Heilige: Trash Humpers


Trash Humpers, das letzte Werk des amerikanischen Regisseurs Harmony Korine, ist zweifellos einer meiner Lieblingsfilme des Jahres 2009, und vielleicht sogar einer der besten Filme, die im letzten Jahrzehnt in Amerika entstanden sind. Nur sehr wenige moderne Filmemacher haben nicht nur Augen und Ohren für das typisch Amerikanische, ein ungeschminktes und rückhaltloses Interesse am Durchschnittlichen, Gewöhnlichen und Alltäglichen, sondern empfinden wie Korine darüber hinaus Sympathie für Individuen, die dement, dämonisch und psychisch gestört sind. Seine Filme zeigen die von Abfällen und Müll übersäte Einöde des modernen Amerika, aber anstelle in guter liberaler Manier den Kopf zu schütteln oder sich darüber zu mokieren, oder wie die Konservativen so zu tun, als würde es alles das gar nicht geben, behandelt er seine Objekte – Bewohner von Wohnwagensiedlungen, Leichen auf Mülldeponien, Wildkatzen – mit einer Art Respekt, einer Religiosität, die nichts mit der Gläubigkeit jener zu tun hat, die die Enteigneten dieser Erde längst abgeschrieben haben.

Korine hat somit weniger Ähnlichkeit mit zeitgenössischen Filmemachern als mit populären Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Edward Hopper, Andrew Wyeth und sogar Norman Rockwell, dessen Werken entgegen seinen eigenen Absichten immer etwas Perverses anhaftet. In ähnlicher Weise wie diese volksnahen realistischen Maler erzeugt Korine merkwürdig schöne, sorgfältig komponierte Bilder von Menschenmassen, von amerikanischen Underdogs, die aus den massenmedialen Darstellungen Amerikas (außer in Zeiten von Hurrikanen und Tornados) nahezu verschwunden sind. Trash Humpers, ein Pendant zu Korines brillantem Debütfilm Gummo (1997), ist ein Abgesang auf das Lumpenproletariat, auf Amerikas „white trash“, dessen Angehörige im amerikanischen Bewusstsein allenfalls als Witzfiguren herhalten müssen.

Verstehen Sie mich recht: Trash Humpers ist nicht zuletzt auch ein Witz, ein Gag, eine schnelle Pointe. Korines Werk ist ein einziger Witz. Unter anderem hat er eine Trilogie von Kurzgeschichten mit dem Titel Jokes veröffentlicht, die noch nicht verfilmt worden sind: Mit Ausnahme einer einzigen, Easter, unter der Regie von Gus Van Sant, bei deren Dreharbeiten in Kentucky, Mayfield, im Jahr 2000, ich dabei war. (Der Film gelangte allerdings nie in die Kinos). Die Geschichte, die von einem Albino-Paar in einer schäbigen Wohngegend für Schwarze handelt, ist an und für sich witzig, aber wie immer bei Korine ist sie auf tragische und schräge Weise witzig, das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Korine, ein aus dem Borscht-Belt stammender eingefleischter Vaudeville-Komödiant, ist sich der dem Showbusiness innewohnenden Tragik sehr wohl bewusst, er hat ein Gespür für den dreckigen Unterleib des Unterhaltungsgeschäfts, dessen Elend immer ein Fressen für Hollywood-Talmi war. Somit stellen seine Filme eine Art Gegen-Kino dar, sie sind komödiantisch und üben zugleich heftige Kritik am populären Hollywood-Mythos. Sein Werk ist mystisch – ein kleiner Taschenspielertrick – und gleichzeitig entmystifizierend.

Die verschwommenen, auf 35mm aufgeblasenen VHS-Aufnahmen – eine formale Kritik am Mainstream-Kino – verleihen dem Film eine Art epische Trash-Qualität. Die scheinbar zufälligen Aufnahmen, bei denen das Insert der PLAY-Taste stets sichtbar bleibt, erwecken den Eindruck, überspielt worden zu sein, den Eindruck eines zufällig gefundenen Objekts oder Films. (Dem Regisseur zufolge sollte der Film wie ein weggeworfenes, im Abfalleimer gefundenes VHS-Band wirken). Die Bilder sind auch noch in einem anderen Sinn „verworfen“: Sie zeigen alte Menschen – beziehungsweise drei Menschen mit Masken alter Menschen – die Mülleimer ficken und sich mit Pflanzen befriedigen. Tabus werden augenblicklich verworfen: die Darstellung geiler Alter, Abfall und Müll als sexueller Fetisch, Sex mit Pflanzen! Außerdem fühlen wir uns durch die Missachtung formaler und erzählerischer Konventionen vor den Kopf gestoßen: Wir haben es mit Fragmenten, plötzlich abbrechenden Szenen, unlogischen Schnitten zu tun. Die Wirkung ist verwirrend, aber auch befreiend.

Szene um Szene fällt Licht aus Straßenlaternen wie aus über der Erde schwebenden Ufos, während die Trash Humpers ihren Geschäften nachgehen: Sie ficken Mülleimer, zerschmettern aber auch alte TV-Geräte und Leuchtröhren auf öden Parkplätzen, als würden sie ein Ritual begehen, vollbringen zufällige Vandalenakte, brechen in Häuser und Wohnungen ein. Ein Hydrant wird vom wackeligen Licht einer Taschenlampe beleuchtet, während die Stimme des Regisseurs aus dem Off zu hören ist, seine unanständigen Lieder und Moritaten über Tod und Teufel bilden eine unwirkliche Tonspur zu den Bildern. Obwohl der Film die Illusion von Zufälligkeit und Unsinn erweckt, lassen die beinahe erschreckende formale Strenge und Konsequenz darauf schließen, dass ein diabolischer Geist dahinter steckt.

Der Film besteht aus einer Abfolge eindrucksvoller Bilder, die alle mit großem Gespür für Inszenierung arrangiert worden sind. Man könnte sie betiteln wie ein Gemälde oder eine Fotografie: Zwei alte Männer mit Krücken und schreiendem Baby auf einer Veranda; zwei Männer in Krankenhausschlafmänteln mit zusammengesteckten Köpfen, die gezwungen werden, Waffeln mit Spülmittel anstelle von Sirup zu essen; Geburtstagstorte mit Bohrer, elektrischer Gitarre, Kinderspielzeug und Folter. Jedes einzelne unanständige und bewegte Stillleben trägt zu der bizarren Gleichung des Films bei.

Man könnte glauben, die Schauspieler in Trash Humpers würden nicht spielen, dennoch muss gesagt werden, dass sie hervorragende Darsteller sind. Die drei Protagonisten, die alle die Maske eines alten Menschen tragen (wobei die beiden Männer an den widerlichen Großvater im originalen Texas Chainsaw Massacre erinnern), liefern eine sehr überzeugende Charakterdarstellung; das Trio mit seinen Puppen, das gemeinsam dem Zeitvertreib des Mülleimer-Fickens frönt, bildet eine groteske und merkwürdig rührende Kleinfamilie. Die „Mutter“ der Familie, die von Rachel Korine, der Frau des Regisseurs gespielt wird, verleiht der Handlung Konturen, vor allem wenn sie am Ende ein echtes Baby „adoptiert“ (stiehlt), dem sie Gefühle entgegenbringt und für das sie ein Wiegenlied singt. Die Tatsache, dass der Regisseur seine Frau und sein Kind als Darsteller einsetzt, hat einen metadiegetischen Effekt: Der Film erhält dadurch nicht nur eine dokumentarische Dimension, sondern gewinnt auch an emotionaler Realität, die erst in Korines allerletztem Werk zum Tragen kommt. Korine hat das schwierige Kunststück vollbracht, einen rührenden Film über Trash Humpers zu drehen.

Manche Szenen des Films könnten direkt aus Gummo stammen, vor allem jene, in der drei Frauen, möglicherweise Hurenhuren sind, von denen eine schwarz und sehr groß, und die anderen beiden weiß und kleiner sind, nebeneinander auf einem Bett liegen und ihre Ärsche in die Höhe recken, während einer der alten Männer sie verhaut. Typischerweise endet die Szene mit einer religiösen Note: Eine der Frauen singt zärtlich „Stille Nacht“, während die anderen dem Alten die Eier massieren. Das Profane ist Korine immer heilig. Auch der Regisseur tritt im Film als vierte Person auf, als alter Mann in einem T-Shirt mit der Flagge der Konföderierten, der philosophische Sentenzen über die Welt von sich gibt. Während er ziellos durch Nashville fährt, der Stadt, in der der Regisseur und seine Familie leben, und wo auch der Film gedreht wurde, schleicht sich ein ernster Moment ein, nachdenkend über die Einöde, die sich jenseits der Windschutzscheibe erstreckt: „Wenn ich manchmal in der Nacht über die Straßen fahre, kann ich das Leid aller der Menschen, die hier leben, richtiggehend riechen. Ich kann riechen, wie alle diese Menschen in ihrem Leben gefangen sind.“ Korine teilt den Schmerz, aber er lässt sich nie dazu hinreißen, sentimental zu werden. „Es ist nur eine langes, langes Spiel“, sagt der alte Mann abschließend.

Übersetzung: Karin Fleischanderl



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