Sonderheft 16, Oktober 2011

Alexandra Seibel

Auf der Suche nach dem Möglichkeitssinn

In ihrem Dokumentarfilm American Passages erstellt Ruth Beckermann eine Momentaufnahme der USA.

Das Roadmovie, ein Klassiker des amerikanischen Kinos, hat traditionellerweise seine Hochblüten in Zeiten der Spannungen und der Krise. So prägten etwa die Erfahrungen der Depressionsära und des Zweiten Weltkrieges herausragende Werke des Genres wie Sullivan’s Travels (1941) oder Detour (1945), während sich gesellschaftliche Oppositions- und Aufbruchsfantasien der Sechzigerjahre in Arbeiten wie Bonny and Clyde (1967) oder Easy Rider (1969) niederschlugen. Nachdem das Motiv der Straße tief mit der amerikanischen Sozialgeschichte und Populärkultur verwoben ist und seine Symbolkraft bis zum Frontier-Mythos zurückreicht, lassen sich im Roadmovie Spielarten und Scheitern des amerikanischen Traums ganz besonders gut verhandeln.1

Ruth Beckermanns poetischer Dokumentarfilm American Passages (2011), inspiriert von Robert Franks berühmtem Fotoband The Americans (1958), ist ganz klar kein Roadmovie im Sinn des narrativen Kino; dennoch lassen sich Affinitäten ableiten. So nahm die Regisseurin den von ihr so genannten „Doppelschock“ der Wahl von Barack Obama und der globalen Finanzkrise zum Anlass, die USA als „Ort des utopischen Entwurfes“ zu bereisen und in „der speziellen Stimmung dieser Zeit“ amerikanische Vorstellungen von Individualität und Glück mit seinen Lebenswirklichkeiten abzugleichen.2

Beckermanns Bestandsaufnahme nimmt ihren Anfang in New York in der Nacht, in der Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Mit Sätzen wie „Yes, we did!“ and „We love you, America!“ bejubeln euphorische Afroamerikaner in Harlem den Sieg Obamas als ideologische Wiedergeburt der Nation und als Einlösung des amerikanischen Freiheits- und Gleichheitsversprechens. Die Begeisterung kulminiert in dem begeisterten Ruf „We’re free!“. Diesen Satz überträgt die durchwegs hervorragende Montage von Dieter Pichler in das Bild eines Vogelschwarms, der vor New Yorker Hausmauern kreist und das Motiv von Freiheit und Reiselust gleichermaßen lyrisch verdichtet. Verspielt folgt die Kamera dem Vogelflug, während gleichzeitig sehnsüchtige Slide-Gitarrenmusik einsetzt: Die Zeichen stehen auf Aufbruch in den tiefen Süden, und schon im nächsten Bild verschwinden die Rücklichter eines Autos im Sonnenuntergang – wir befinden uns „on the road.“

An Obamas Glücksversprechen von Veränderung und Transformation – den im Titel bereits angedeuteten „Passages“ – in der Anfangssequenz wird sich im Folgenden die Lage des Landes messen, und je tiefer Beckermann zuerst in die schwer republikanischen Bundesstaaten des Südens und dann weiter in den konservativen Westen vordringt, desto entfernter hallt dieses Echo nach. Der politische Aufbruchsgedanke aus der Großstadt bricht sich an den Alltäglichkeiten des Hinterlandes und zerfällt dort in kleine, höchst unterschiedliche Praktiken des Privaten. Schon der Tag nach der großen Obama-Feier bringt Ernüchterung: Im Morgengrauen beleben nur ein einsamer Jogger und ein paar Obdachlose die verlassenen Straßen einer namenlosen Stadt, und in der nächsten Einstellung prasselt bereits Regen nieder. Beckermann markiert ihre Reisebewegungen durch lange, ruhige Kamerafahrten, die –manchmal aus Autofenstern heraus – elegisch die vorbeiziehenden Landschaften aufnehmen. Interviewpassagen mit Protagonisten unterbrechen die schönen, flüssigen Reisebewegungen und ermöglichen eine Art von Mapping verschiedener, sehr generischer Orte – meist öffentlicher und/oder anonymer Plätze wie Diners, Drive-ins, Friedhöfe, Kirchen, Supermärkte, Gedenkstätten, Casinos oder Gefängnisse. Beckermanns Suche nach amerikanischen Themen und Utopien wird durch Differenzkategorien wie „race“ (da beinahe ausschließlich hellhäutige Menschen und Afroamerikaner), „class“ und „gender“ organisiert und ergibt eine (manchmal recht deprimierende) Kartographie der (unteren) Mittelschicht. Je dystopischer der jeweilige Ort, desto utopischer oft die dort produzierten Gefühle: Mit großem Enthusiasmus kaufen verarmte weiße Mittelschichtler die aufgelassenen Lagerräume zahlungsunfähiger Vorbesitzer auf und beteuern begeistert, dass sie sich beim Aufreißen fremder Kartons fühlten wie zu Weihnachten beim Päckchenöffnen. Ob ihnen die Menschen nicht leid täten, die gerade ihr Hab und Gut verlieren, will die Regisseurin hinter der Kamera wissen. Doch diese Einwände können die forciert gute Laune nicht eindämmen.

Auch in der Gospelkirche einer fast ausschließlich schwarzen und sichtlich unterprivilegierten Glaubensgemeinde wird nach innigem Chorgesang die kollektive Spiritualität gleich in ein Mantra umgesetzt, welches die Mitglieder gemeinsam nachsprechen: „I’m a winner. And not a loser. I can see my way through the eyes of faith.“

„My way“ – das Recht auf die Suche nach Glück, als eines der amerikanischen Grundrechte bereits in der Unabhängigkeitserklärung verankert, entfächert in Beckermanns Vignetten eine große, von Gegensätzen geprägte Bandbreite individueller Selbstentwürfe zwischen Triumph und Niederlage. Die afroamerikanische Richterin, die als Frau und als Schwarze Karriere gemacht hat, oder das schwule Paar in Arizona, das umstandslos zwei Kinder adoptieren konnte, treten als Beweis für den amerikanischen Möglichkeitssinn an. Obamas berühmte Parole von „Yes, we can“ und die zu anfangs der Reise beschworene Kraft zur Selbsterneuerung blitzen gegen Ende des Films nochmals in völlig subjektivierter Form am untersten Ende des gesellschaftlichen Spektrums auf, dann nämlich, wenn in einem Frauengefängnis eine junge Mutter – Exjunkie und Exprostituierte – von ihrem Neustart ins Leben und der großen Chance träumt, alles noch einmal von vorne und besser machen zu können.

Die intensivsten Momente aber, in denen sich die Protagonisten vor Beckermanns Kamera als Teil einer Gemeinschaft wahrzunehmen scheinen – und das zählt vielleicht zu den bedrückendsten Aspekten von American Passages – entstehen in religiösen und patriotischen Zusammenhängen. Es ist längst nicht mehr so wie einst noch in Sullivan’s Travels, wo der Hollywood-Regisseur versehentlich im Gefängnis landet und Zeuge wird, wie sich schwarze und weiße Gefangenen gemeinsam über einem Disney-Cartoon ausschütten vor Lachen. Damals wurde Hollywood und seiner Unterhaltungsindustrie noch eine heilende Kulturkraft zugesprochen, die imstande sein sollte, ganz unterschiedliche Sektionen der amerikanischen Gesellschaft miteinander auszusöhnen.3 Doch das ist lange her. In Ruth Beckermanns Amerika entstehen kollektive, emotional tiefgreifende Erlebnisse vorrangig beim inbrünstigen Gottesdienst, beim gemeinsamen Chorgesang oder beim Hissen der amerikanischen Flagge auf dem Soldatenfriedhof.

Dessen ungeachtet lassen sich Beckermanns Bilder immer wieder mit denen Hollywoods abgleichen. In den namenlosen „Projects“ einer anonymen Stadt lungern vor trostlosen Ziegelbauten beschäftigungslos afroamerikanische Frauen, Jugendliche und Kinder herum, während ein Polizist seine Routinegänge durch das „urban wasteland“ unternimmt. Bezeichnenderweise wirkt diese Szenerie wie ein direkter Live-Einstieg zu der TV-Serie The Wire. Aber auch die „Chain-Gang“ im Männergefängnis, die Groupiers und Gambler an den Spieltischen der Casinos von Las Vegas oder den Mann in voller Elvis-Montur kennt man aus Kino und Fernsehen. Nicht umsonst endet dann auch die Reise in Las Vegas, jener Stadt, in der Showbiz, das Spiel um das große Geld und die Mafia zu jenem Gründungsmythos gehören, der im amerikanischen Genrekino vielfach durchdekliniert wurde.

In Vegas, während einer Charity-Veranstaltung reicher Amerikaner, bleibt von Obamas Ruf nach „change“ nur noch ein Witz über Kleingeld („All we have now is change“) übrig. Trotzdem endet Ruth Beckermanns cinephiler Reisefilm optimistisch. „It’s not all about the money“, lautet der letzte gesprochene Satz in American Passages. Zwar wird er von einem etwas zwielichtigen Spieler und Zuhälter gesprochen, aber einem, der ein so tolles Gesicht hat, dass er jederzeit in einem Scorsese-Film auftreten könnte. Denn das Amerika, das Ruth Beckermann für ihren Roadfilm gefunden hat, birgt immer noch ein Versprechen – und sei es auch nur für das Kino.

1 Vgl. Steven Cohan und Ina Rae Hark: The Road Movie Book. London, New York: Routledge, 1997, S. 1 ff.

2 Ruth Beckermann in einem Interview mit Karin Schiefer vom 24. Februar 2011.

3 Steven Cohan: „Almost like being at home. Showbiz culture and Hollywood road trips in the 1940s and 1950s.“ In: The Road Movie Book. S. 113-142.


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