Sonderheft 17, März 2012

Barbara Schweizerhof

Inszenierte Intimität

Zu Ruth Maders Dokumentarfilm What Is Love

Das Fernsehen ist der beste Feind des Dokumentarfilms. Und Ruth Maders What Is Love stellt nur einen weiteren markanten Beleg dafür dar, dass eine solche Feindschaft viel produktivere Ergebnisse zeitigen kann als jede noch so unterstützende Freundschaft. Fast hat es in den letzten Jahren so ausgesehen, als polarisierten sich die unterschiedlichen Produktionssysteme in einen unversöhnlichen Gegensatz hinein: einerseits TV-Formate unter Quotendruck, die es mit der Wirklichkeit nicht allzu genau nehmen, und andererseits Kinodokumentarfilme, die sich all die Stille, die Langsamkeit, Komplexität und Zurückhaltung erlauben wollen, die das Fernsehen ja nicht zu Unrecht als Zuschauervergrätzer ansieht. Viel zu oft wurde der Graben zwischen diesen Lagern mit den Argumenten von Fälschung (Dokusoaps und ihre „scripted reality“) und Wahrheit (der küüünstlerische Dokumentarfilm, mit Inbrust gesprochen, der authentisch Wirklichkeit dokumentiert) ausgehoben. Dabei hat sich die Echtheits- beziehungsweise Authentizitätskategorie noch nie als besonders tauglich in Bezug auf das Genre Dokumentarfilm erwiesen. Die Grenzen dessen, wo „reines“ Abfilmen aufhört und die Manipulation durch die bloße Anwesenheit der Kamera, also eine Art Inszenieren, beginnt, sind fließend. Das wichtigere Argument aus diesem Streitzusammenhang bezieht sich deshalb auch weniger auf das Geschehen vor als auf das hinter der Kamera: Entscheidend ist, ob ein Dokumentarfilmmacher gewissermaßen Rechenschaft ablegt über sein Tun, soll heißen: ob es eine Transparenz gibt, die dem Zuschauer ermöglicht, nachzuvollziehen, wie die Wirklichkeitsbilder, die er sieht, zustande kamen. Mit dieser „Durchschaubarkeit“ ebnet sich denn auch vielleicht ein Weg, die vielverleumdeten, aber populären TV-Dokuformate und ihre Inszenierungsweisen auf ihren Innovationswert hin abzuklopfen, ohne es ihnen in puncto Wirklichkeitsmanipulation gleichzutun.

Nicht, dass Ruth Maders Film What Is Love auf den ersten Blick etwas mit dieser Diskussion zu tun hätte. Im Gegenteil, die betont ruhigen Bilder, mit denen der Film eröffnet und die eine junge Frau in der Einsamkeit ihrer Wohnung zeigen, weisen den kundigen Zuschauer unmissverständlich darauf hin, dass es sich hier um das Kinodokumentarfilmformat handelt, das in seinen Bildern selbsterklärend sein und keinesfalls mit Schlagzeilen locken will. Zugleich ist aber auch die Inszeniertheit dieser Wirklichkeit sofort sichtbar, so sorgfältig kadriert und atmosphärisch gefilmt sind die Aufnahmen. Ein großer Esstisch, auf dem aber nur ein Gedeck liegt, ein Wohnzimmer, in dem nur eine Person sitzt, die sich mit niemandem unterhält, ein Doppelbett, das nur auf einer Seite wirklich benutzt wird, und dazu der melancholische Blick der jungen Frau, die in den nächsten Szenen als Augenärztin vorgestellt wird – sowohl das Setting der einzelnen Aufnahmen als auch ihre Montage folgen einem narrativen Muster, das auch einen Spielfilm über eine „Singlefrau“ eröffnen könnte. Allein die Protagonistin, die sich vor der Kamera zwar „in Pose“ bringt, aber eben nicht schauspielert, ruft dem Zuschauer ins Bewusstsein, dass er sich in einem Dokumentarfilm befindet. Doch es gibt keine Autorenstimme, keinen Kommentar, keine Fragen aus dem Off, außer der im Titel implizierten: „What is love“.

Fünf Porträts schneidet Ruth Mader unter dieser Fragestellung hintereinander: Auf die einsame Augenärztin folgt ein ganz in seiner Arbeit aufgehender Finanzberater mit Beziehungsproblemen, dann ein schweigsamer junger Pfarrer in einer alternden Gemeinde, eine Werksarbeiterin im abstumpfenden Alltag zwischen öder Schicht und familiären Pflichten und schließlich ein Forstbesitzer mit einem ganz von Ritualen bestimmten Familienleben. Jedes dieser fünf Porträts besteht aus einer „narrativen“ Montage von betont alltäglichen Verrichtungen wie Autofahren, Am-Schreibtisch-Sitzen, In-der-Werkhalle-Stehen, Wäscheaufhängen oder Bettenmachen. Immer wieder gibt es auch Gesprächssequenzen, die auf sehr unterschiedliche Weise Aufschluss über die jeweilige Situation der Protagonisten geben. Im Falle der Augenärztin ist es eine Unterhaltung über Babynamen beim Familientreffen, an dem sie sich aber gar nicht beteiligt, wodurch ihr Einsamkeitsstatus noch betont wird. Den Finanzberater erlebt man gleich in mehreren angespannten Unterhaltungen mit seiner Ehefrau, die ihn anklagt, zu viel Zeit bei der Arbeit und zu wenig mit der Familie zu verbringen. Den jungen Pfarrer hört man im Kreis von skeptischen Gläubigen seine Vorhaben verteidigen, die Werksarbeiterin tauscht sich eher knapp und müde mit Mann und Kind aus. Ganz anders dagegen der Forstbesitzer und seine Familie: Hier stellen das Reden mit den Kindern am Abend über den Tag und das nach therapeutischen Regeln abgehaltene Paargespräch feste Alltagsrituale dar.

Es ist vor allem das letzte Beispiel, das im Gedächtnis bleibt und Irritationen schafft. Einerseits scheint sich hier der Porträtkreis auf fast allzu biedere Weise zu schließen: Was mit der melancholischen Sehnsucht der Singlefrau begann, sich mit einer zerbrechenden und einer abgestumpften Ehe fortsetzte, unterbrochen nur vom kurzen Zwischenspiel beim zölibatären Priester, schließt mit dem Beispiel eines geglückten Lebensentwurfs, in dem artige Kinder beim Abendbrot dem Herrgott danken und die Ehegattin ihren Mann fragt: „Bist du bereit für einen Dialog?“ Woraufhin ein Gespräch beginnt, bei dem die Regeln des „aktiven Zuhörens“ befolgt werden: Ohne Aggression wird die heikle Frage geklärt, wie es sich bewerkstelligen ließe, dass er ihrem Wunsch entspricht und sich besser anzieht, wenn sie gemeinsam ausgehen.

Irritierend aber ist diese letzte Episode nicht nur wegen des Anscheins der „Biederkeit“, der von diesem Schluss aus auf Maders gesamte Protagonistenauswahl fällt, welche, gewollt oder ungewollt, das Bild einer doch eher schmalen gutbürgerlichen Normalität entwirft, die allzu viel ausblendet. Nein, das Porträt des Forstbesitzers gräbt sich ins Gedächtnis, weil hier ein sehr intimer Einblick gegeben wird in eine Paarbeziehung und ein Familienleben – so intim, wie man das im Grunde nur aus den auf Emotionalisierung setzenden TV-Formaten kennt.

Auf packende Weise „human interest stories“ zu erzählen und sehr direkte Einblicke in medial unterrepräsentierte Milieus zu geben, das gehört tatsächlich zu den Errungenschaften der Reality-TV-Welle. Ruth Mader führt mit ihren fünf Porträts vor, wie man „Menschengeschichten“ auch erzählen kann – gelassener, weniger auf ein Zielpublikum hin aufbereitet und weniger exploitierend-bloßstellend, aber eben nicht weniger intim. Zum größten Teil rührt dieser Eindruck in What Is Love daher, dass hier so offensichtlich die Protagonisten die Macht über die eigene Inszenierung behalten. Das Ergebnis betont auf fast anrührende Weise eine andere Art von Privatheit: nicht die marktschreierische, auf Affektausbrüche setzende, sondern die alltägliche Beherrschtheit, gewissermaßen das Nebensächliche, die Unbedeutsamkeit und Kleinheit des eigenen Lebens. Die Antwort auf die im Titel gestellte Frage „What is love?“ fällt dementsprechend auf den ersten Blick unbefriedigend aus. Auf den zweiten aber findet man den Reichtum und die Differenziertheit des Alltäglichen vor Augen geführt, die das einfache Antworten unmöglich machen. Es ist eben kompliziert.


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