Sonderheft 27, März 2017

Carolin Weidner

"Ein beherrschter Mensch ist einfach schöner"

Über das Kino von Angela Schanelec und ihren neuen Film Der traumhafte Weg

Im Dezember 2000, kurz vor Weihnachten, treffen sich die Regisseurin Angela Schanelec und die Dramaturgin Erika Richter zu einem Gespräch. Derlei Aufzeichnungen sind von besonderer Bedeutung, nicht nur weil es immer sehr schön zu lesen ist, was Schanelec sagt, sondern auch weil es einen Zugang zu ihren Filmen verschafft, der zuvor vielleicht noch nicht vorhanden war. Schanelec beim Reden zuzusehen ist ähnlich aufschlussreich, was man in Geremia Carraras und Gisella Gasparis Film Der Ton, das Wort, das Bild – Das Kino von Angela Schanelec (2008) nachvollziehen kann. In ihm sitzt Angela Schanelec an einem Fenster, durch das eine viel befahrene Straße erkennbar ist (ich glaube, es ist Rom), ihr werden Bildausschnitte aus ihren Filmen vorgespielt, zu denen sie sich wiederum äußert.

Angela Schanelec
Angela Schanelec Foto: Louis Schanelec

Ein langer Dreh, man kann sehen, wie es Abend wird draußen in der Stadt. Angela Schanelec ist nachdenklich und präzise, manchmal braucht es einige Zeit, bis sie die passenden Wörter für das findet, was sie sagen möchte. Manchmal findet sie sie auch nicht, aber das Bemühen darum ist immer sichtbar. Im Gespräch mit Erika Richter, das anlässlich des Films Mein langsames Leben (2001) geführt wurde, sagt Angela Schanelec einen Satz, der mich nachdenklich gemacht hat und eine Weile in meinem Kopf geblieben ist: „Ein beherrschter Mensch ist einfach schöner.“ Richter hatte gefragt, warum es in Mein langsames Leben zu keinen stärkeren Gefühlsäußerungen gekommen war. Schanelecs Antwort: „Das hat mich nicht so sehr interessiert, es entspricht auch nicht dem Verhältnis der Figuren zueinander. Sie sind eher vorsichtig im Umgang miteinander oder scheu, sie kennen sich zum Teil ja auch noch nicht so gut. Es hat auch mit Achtung voreinander zu tun und auch mit dem Bedürfnis, sich zu schützen. Sie haben Angst, zu viel von sich preiszugeben. Wenn sie gekränkt werden, ziehen sie sich eher zurück, und wenn sie glücklich sind, na ja, wie spielt man Glück? Ein beherrschter Mensch ist einfach schöner.“

Mein langsames Leben erzählt über die Dauer einiger Monate das Leben einiger Menschen. Den Rahmen bildet dabei der Weggang Sophies (Nina Weniger) nach Italien. Als sie wiederkommt, endet auch der Film. In Berlin bleibt unter anderem Valerie (Ursina Lardi), die gerade erst ein neues Zimmer bezogen hat und den Sommer über nicht verreisen möchte. Viele der Filme Angela Schanelecs sind Sommerfilme. Filme mit Badeanzügen und leichten Sandalen, Filme mit Eiscreme. Sophie und Valerie unterhalten sich über Italien und den Sommer, während Sophie drei Kugeln Himbeereis bestellt und isst. In Nachmittag (2007) gibt es eine Szene mit Fritz Schediwy in der Rolle des Alex, die mir sehr lieb ist: Er sitzt da mit Neffe Konstantin (Jirka Zett) und Nichte Mimmi (Agnes Schanelec) in einem Eiscafé und liest aus der Eiskarte vor, jede Sorte einzeln. Aber nicht so, wie man es vielleicht gewohnt ist, wenn jemand etwas überfliegt und es halblaut mitrattert. Alex liest jede Sorte mit Erstaunen, als handele es sich um eine Spezialität, die in einer Eiskarte wiederzufinden ihn selbst überrascht. Konstantin und Mimmi bringt das zum Lachen, Alex’ Verhalten ist eine komische kleine Einlage für die zwei. Nachher erfährt man, dass er gar kein Eis gegessen hat.

Auch auf Nachmittag, den Schanelec als Anlehnung an Tschechows Möwe geschrieben hat, passt die Beschreibung aus dem Gespräch mit Erika Richter, obwohl man den Menschen hier doch ein bisschen näherzukommen meint. Es gibt vereinzelte „Ausbrüche“, die Schanelec als ein „Leerreden“ bezeichnet. Ihr selbst passiert in Nachmittag solch ein Ausbruch, als die von ihr gespielte Irene am Esstisch davon erzählt, wie sie als junge Mutter einmal nach Paris gefahren ist, mit dem sechs Monate alten Konstantin bei sich, von einem Park zum nächsten lief, jeden Tag in einen anderen, und zu einer völlig neuen Person wurde. Leider habe von dieser Transformation niemand etwas mitbekommen, nicht einmal Konstantin, denn der könne sich natürlich an nichts erinnern.

Mein langsames Leben und Nachmittag behandeln einen überschaubaren Zeitraum, Nachmittag gar nur wenige Tage. Ganz anders ist es nun mit Der traumhafte Weg, Angela Schanelecs neuem Film. Es ist auch ein Film über Europa, und zwar über eines, das es nicht mehr gibt. Der traumhafte Weg beginnt in Griechenland, die Drachme ist noch als Währung im Umlauf, es wird Werbung für Europa gemacht. Hier ist ein junges Paar anzutreffen, Theres (Miriam Jakob) und Kenneth (Thorbjörn Björnsson), das sich, vielleicht ähnlich wie Griechenland, in einer Art Zwischenphase befindet, bevor die Veränderung eintritt. Theres möchte Sprachen studieren und Lehrerin werden, Kenneth Gesang, aber das sind vorerst nur Gedanken. Wenn beide auf der Straße musizieren, um ein bisschen Geld zu verdienen, dann ist die Stimmung ein bisschen so wie in dem Lied, das sie spielen: „In the jungle, the mighty jungle / The lion sleeps tonight“.

Der traumhafte Weg
Der traumhafte Weg filmgalerie

Der traumhafte Weg ist kein einfacher Film, die Verbindungen, die zwischen den einzelnen Episoden hergestellt werden können, verlaufen nicht gerade und sind weniger nachvollziehbar als in Angela Schanelecs vorherigen Filmen. Sie sind, genau wie der Titel es bereits anklingen lässt, „traumhaft“. So werden zwar deutliche Zeitsprünge unternommen (quasi von der Drachme bis zum Berliner Hauptbahnhof, der symbolhaft für das neue Berlin und gewissermaßen auch für den Weg Europas stehen darf ), aber Theres’ Kleidung etwa bleibt dieselbe: ein einfaches rot-weiß gestreiftes Polohemd mit kurzen Ärmeln, dazu ein blau-weiß gestreifter Rock und ein Paar schöne, fragile Sandalen. Fast möchte man sagen, Theres ist auf dem Weg geblieben, während Kenneth auf seinem geblieben ist, allerdings erwies sich dieser als weniger richtig. Auch Kenneth trägt noch dieselbe Kleidung, einen grauen Pullover, der im Gegensatz zu Theres’ Ensemble allerdings ganz und gar nicht mehr vorzeigbar ist. Wie leider auch der ganze Mann, den Theres überraschend am Berliner Hauptbahnhof sitzen sieht: ein Junkie. Nach einem Blickwechsel geht sie einfach weiter. Ihre Tochter begibt sich dafür bald auf eine Reise und packt den blauen Rucksack, der auch schon damals in Griechenland dienlich war.

Zwischen diesen beiden weit entfernt voneinander liegenden Punkten trennen sich Ariane (Maren Eggert) und David (Phil Hayes). Es wird kaum Wind gemacht um diese Geschichte, auch Ariane und David sind beherrschte Menschen. Obwohl man, schaut man in Maren Eggerts Gesicht, auch immer an Angela Schanelecs Marseille (2004) denken muss und an das Polizeiverhör am Ende des Films, zu dem die junge Fotografin Sophie (Maren Eggert) ging, nachdem sie, wahrscheinlich, Opfer eines Sexualdelikts geworden war. In Der traumhafte Weg ist sie dann selbst Polizistin, allerdings nur im Film, denn Ariane ist Schauspielerin. Solche Verkettungen gibt es bei Angela Schanelec gar nicht einmal wenige. Und auch einzelne Motive wiederholen sich: Wenn Kenneth sich in Der traumhafte Weg in ein ausgehobenes Erdloch im Wald legt und beginnt, die Erde über sich zu schütten, und Konstantin zum Ende von Nachmittag Pillen schluckt und anschließend in die Mitte eines Sees schwimmt, um sich dort auf eine Plattform zu legen, dann ist beides Ausdruck existenzieller Verzweiflung, die in der Stille passiert und ohne jede Resonanz bleibt.

Es sind rätselhafte Vorgänge, wie vieles in den Filmen Angela Schanelecs rätselhaft ist. Manchmal wird behauptet, dieses Kino zeige Alltäglichkeit, Banales. Aber das stimmt nicht. Schanelec sagt, sie bewundere Natalia Ginzburg (tatsächlich greift Ariane an einer Stelle auch Die Familie Manzoni aus dem Regal) und sie selbst schreibe ihre Dialoge mit der Absicht, sie in eine „wirklichere“ Umgebung zu überführen. In Nachmittag war das ein Haus an einem See, in Marseille eine Stadt, in Mein langsames Leben war der Ort eine Jahreszeit und in Orly (2010) ein Flughafen. In Der traumhafte Weg gibt es keinen Ort mehr, dafür aber eine sonderbare Ortlosigkeit.


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